Abgeschickt von Lars am 05 Oktober, 2009 um 15:22:10
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05.10.2009 / Kapital & Arbeit / Seite 9Inhalt
Bedrohliche Statistik
Die US-Wirtschaft ist von einer Erholung weit entfernt. Fast 36 Million Menschen sind mittlerweile auf Lebensmittelmarken angewiesen
Von Tomasz Konicz
Im stinkreichen Miami: Elendssiedlung, bewohnt von arbeitslosen
Im stinkreichen Miami: Elendssiedlung, bewohnt von arbeitslosen US-Bürgern
Foto: AP
Die US-Öffentlichkeit diskutiert seit längerem darüber, wann die seit Dezember 2007 herrschende Rezession zu Ende sein könnte. Am 30. September gab es wieder einen Hoffnungsschimmer: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll nach Angaben von Statistikern zwischen April und Juni 2009 nur um 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal gefallen sein – ursprünglich war ein Prozent erwartet worden. Für das gerade abgelaufene dritte Quartal erwarten die meisten Ökonomen einer Umfrage zufolge sogar ein Wachstum von drei bis vier Prozent.
Wichtige Konjunkturstütze war im zweiten Quartal der Staat, der seine Ausgaben im Rahmen des Konjunkturpakets um 11,4 Prozent erhöht hat. In der Rezession gelang es den USA sogar, ihr Handelsdefizit geringfügig abzubauen: Während die Exporte im zweiten Quartal um 4,1 Prozent fielen, brachen die Importe um 14,7 Prozent ein.
Dennoch ist ein dauerhafter Konjunkturaufschwung nicht zu erwarten, da sich hierfür der Arbeitsmarkt erholen müßte. Doch bis weit in das kommende Jahr hinein werden nach Schätzung von Wirtschaftsexperten weiter Arbeitsplätze abgebaut – das geht aus der neuesten Arbeitslosenstatistik hervor, die nur drei Tage nach den positiven Zahlen zur Konjunkturentwicklung veröffentlicht wurde. Die Erwerbslosenquote kletterte demnach zwischen August und September von 9,7 auf 9,8 Prozent und befindet sich somit auf dem höchsten Stand seit rund 26 Jahren. Der Abbau von rund 263 000 Arbeitsplätzen übertraf deutlich die Prognose von 175 000 Stellen.
Somit verliert die US-Wirtschaft bereits im 21. Monat hintereinander Arbeitsplätze. Der kritische Internetblog »Wirtschaftquerschuß« kam jüngst zu der Einschätzung, daß seit Rezessionsbeginn 7,205 Millionen Arbeitsstellen verlorengingen: »Dies ist der längste und größte Einbruch am Arbeitsmarkt seit Beginn der Datenerhebung durch das BLS [Bureau of Labor Statistics] im Jahre 1939!« Nur noch 11,7 Millionen Beschäftigte fanden im September 2009 in der US-Industrie ein Auskommen. Damit ist die Industriearbeiterschaft der USA gegenüber dem Vormonat um 51 000 auf nur noch 7,6 Prozent aller zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte geschrumpft.
Besonders drastisch fällt der Anstieg der Arbeitslosigkeit aus, wenn man die absoluten Zahlen betrachtet. Noch nie zuvor gab es 15,2 Millionen offiziell gemeldete Erwerbslose – selbst in der schweren Rezession Anfang der 80er Jahre waren nur zwölf Millionen gezählt worden. Ein besonderes Problem ist die sich ausweitende Langzeitarbeitslosigkeit, die inzwischen 5,43 Millionen Menschen betrifft – mehr als ein Drittel aller Erwerbslosen.
Obwohl die Zahl der Arbeitslosen drastisch zugenommen hat, liegt deren Quote angesichts des Bevölkerungswachstums der USA noch unter den Höchstständen der 80er Jahre. Darüber hinaus haben die statistischen Manipulationen der letzten Jahrzehnte die Arbeitslosenstatistik offenbar geschönt: Das alternative Statistikportal Government Statistics kommt auf eine reale Arbeitslosenquote von inzwischen 21,4 Prozent.
Diese Zunahme der Arbeitslosigkeit geht mit einem Verelendungsschub einher. Inzwischen ernähren sich etwa 35,9 Millionen US-Bürger mit Hilfe von Lebensmittelmarken, die im Rahmen des bundesweiten »Supplemental Nutrition Assistance Program« zum monatlichen Einkauf von Nahrungsmitteln im Gegenwert von 133 US-Dollar pro Person berechtigen. Seit Beginn der Rezession Ende 2007 hat die Zahl der Bezieher von Lebensmittelkarten enorm zugenommen: Im Jahr 2000 waren nur 17,2 Millionen Menschen darauf angewiesen.
Die unterfinanzierten Sozialprogramme der US-Regierung sind aber nicht in der Lage, die um sich greifende Verelendung wirksam zu bekämpfen, die vor allem Kinder und Minderjährige hart trifft. Neuesten Studien zufolge leiden 17 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren bereits unter Hunger und Mangelernährung. Die andauernde Rezession beläßt auch die Löhne und Gehälter in den USA auf einem sehr niedrigen Niveau. Die Entlohnung in der privaten Wirtschaft fiel demnach im August um etwa sieben Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Die durchschnittlichen Einkommen der Privathaushalte fielen bereits 2008 um 3,6 Prozent.
Wie sehr die Löhne fallen und die Massenarbeitslosigkeit zunimmt, geht selbst aus der gnadenlos geschönten Armutsstatistik hervor: Im Jahre 2008 lebten demnach bereits nahezu 40 Millionen US-Bürger unterhalb der offiziellen Armutsgrenze – 2007 waren es erst etwas mehr als 37 Millionen. Dabei ist die Armutsgrenze mit einem Jahreseinkommen von 10 991 US-Dollar für eine alleinstehende Person viel zu niedrig angesetzt.