Hans Holzinger: Wirtschaften jenseits von Wachstum?


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Abgeschickt von Lars am 03 Februar, 2010 um 17:32:40

Antwort auf: Bankenwesen - Geldschöpfung durch den Staat von mehr Demokratie am 28 Januar, 2010 um 18:34:31:


http://www.freiwirte.de/


Silvio Gesells Werk - Diskussion seiner Schriften
Hans Holzinger: Wirtschaften jenseits von Wachstum?
1.2.2010 von MM.


Kurzfassung: Befunde

1) Der „westliche“ Industriekapitalismus der letzten 200 Jahre hat zu einer enormen Produktivität geführt. Das Welteinkommen ist im letzten Jahrhundert um 3000 Prozent gestiegen. Der Ausstoß an Gütern hat sich vervielfacht, die durchschnittliche Lebenswar- tung verdoppelt (KREIBICH 2004).

2) Die Gründe für dieses Erfolgsmodell liegen in einem bestimmten historischen Setting, dem Zusammenwirken von Naturwissen- schaft, Technik, kapitalistischer Wirtschaftsorganisation und ord- nungsrechtlicher Absicherung (UMBACH 2009, THUROW 2003).

3) Die Schattenseiten dieser „Produktivität“ liegen in einem histo- risch ebenfalls einmaligen Raubbau an den Naturressourcen, die zu einer Destabilisierung der Ökosysteme führten (KREIBICH 2004, RADERMACHER 2007).

4) Mehr noch: Das hohe Wirtschaftswachstum war nur möglich auf Basis der kostenlosen bzw. günstigen Verfügung über Naturres- sourcen (DALY 1999, 2001). Der Massenkonsum ist eng gekoppelt an die Ausbeutung der fossilen Energieträger (ALTVATER 2005, GLOBAL CHALLENGES NETWORK 2004, SACHS 2009, SAKAR 2009).

5) Die Ausbeutung der Natur und der Verbrauch der nichterneuer- baren Ressourcen in rasantem Tempo führen uns an die „Gren- zen des Wachstums“ (MEADOWS et al 1972, 1992, 2006; ERBRICH 2004, SLOTERDIJK 2002, HOLZINGER 2007).

6) Die geforderte Dematerialisierung bzw. Dekarbonisierung des Wirtschaftens ist bislang nicht gelungen. Effizienzgewinne wurden in der Regel durch Mengeneffekte aufgesogen. Statt Demateri- alsierung findet eine Transmaterialisierung, d.h. die Verlagerung des Ressourcenverbrauchs auf neue Konsumbereiche statt (SPANGENBERG 2007, JÄGER 2007, HENSELING 2009, HINTERBER- GER 2009).

7) Die Ausweitung des „westlichen“ Konsummodells – geändertes Ernährungsverhalten, autoorientierte Mobilität und geräteintensi- ve Haushalte – führt zur Verschärfung der Umweltkrise sowie der weiteren Verknappung der Ressourcen. Gesprochen wird von einer „globalen Verbraucherklasse“ (SACHS et al 2008).

8.) Die elementaren Lebensgrundlagen vieler ErdenbewohnerInnen sind dadurch bedroht. Die Klimakrise sowie die Verteuerung von Grundnahrungsmitteln durch die Ausweitung des Fleischkonsums auch in weniger fruchtbaren Ländern sowie durch Biodiesel ver- stärkt die Hungerkrise (ZIEGLER 2009, BOMMER 2009).

9) Die Gefahr von Ressourcenkonflikten verschärft sich, die Ratio- nierung der verbleibenden Rohstoffe zugunsten der Mächtigeren droht (RADERMACHER 2007, KHANNA 2008, ALTVATER 2009).

10) Der Kapitalismus führte jedoch nicht nur in die ökologische Kri- se, sondern „produziert“ immer wieder auch wirtschaftliche Kri- sen. So ist die 200-jährige Geschichte des Kapitalismus begleitet von Rückfällen und Rezessionen (EICHHORN/SOLTE 2009, SAKAR 2009).

11) Die Gründe dafür werden in der Instabilität des Finanzsystems, das zu Spekulation einlädt, in der Aufblähung des virtuellen Geldvolumens sowie in der zunehmenden Konzentration des Vermögens bei gleichzeitiger Anhäufung von Schulden bei den Kreditnehmern gesehen (BINSWANGER 2009, EICHHORN/SOLTE 2009).

12) Die Theorie der langen Konjunkturzyklen macht technologische Sprünge für das Auf und Ab der Wirtschaftsentwicklung ver- antwortlich. Bei Ausreizung der Produktivitätsvorteile einer Inno- vation komme es zu kurzfristigen Rückgängen des Wachstums, bis die neue Innovation gefunden ist (HÄNDELER 2004).

13) Als weiterer Grund für die immanenten Krisen des Kapitalismus werden Sättigungstendenzen bei hoher Produktivität genannt, auch wenn die klassische Wirtschaftstheorie von unbegrenzten Bedürfnissen ausgeht (REUTER 2007, HEDTKE 2009).

14) Die Akkumulationsdynamik – Kapital sucht nach Anlagemög- lichkeiten – zwingt zur permanenten Ausweitung der Konsum- angebote, die nach weitgehender Sättigung mit materiellen Gütern verstärkt in Unterhaltungsangeboten („Erlebniskapita- lismus“) gesehen werden (FIRLEI 2008).

15) Nach 1945 ist eine Stabilisierung des kapitalistischen Wirtschafts- systems gelungen, das in eine lange Phase der Prosperität führ- te. Über viele Jahrzehnte galt daher Wirtschaftswachstum als Schlüssel für das Versprechen, „Wohlstand für alle“ zu schaffen. Wirtschaftswachstum wurde zur Basis der modernen Wohlfahrts- staaten und damit zum Garant von Sicherheit, Demokratie und Frieden. Wachstum sei in diesem Sinne politisch leichter umzu- setzen als Verteilung (MARTERBAUER 2007, BOFINGER 2009).

16) Mit der Abkehr von geregelten Finanzmärkten und der generel- len Zurückdrängung staatlicher Regulierungen ab den 1970er- Jahren wurde der Weg der sozialen Marktwirtschaft mehr und mehr verlassen. Die gegenwärtige Finanzkrise wird daher mit der Abkopplung des Finanzkapitalismus vom Realkapitalismus (REICH 2007, SCHULMEISTER 2009a, b) sowie der zunehmenden Deregulierung des Finanzsystems (FELBER 2008, 2009, SCHER- HORN 2009) in Verbindung gebracht.

17) Wirtschaftswachstum gilt nach wie vor als zentraler Zukunfts- pfad, der den Erhalt von Wohlstand, sozialem Frieden und De- mokratie garantieren soll. Dabei werden unterschiedliche Ar- gumente ins Treffen geführt (AIGINGER et al 2006, MARTERBAU- ER 2007, AIGINGER 2009, NOWOTNY 2010).

18) Als wichtigstes Argument für Wirtschaftswachstum galt lange Zeit die Mehrung des Wohlstandes durch Konsumausweitung. Die Verfügbarkeit von mehr Gütern und Dienstleistungen sollte den Lebensstandard der Menschen permanent erhöhen. Das Ziel von Wirtschaften wurde definiert als Überwindung immer neuer Knappheiten (HEDTKE 2009).

19) Ergebnisse der Zufriedenheits- und Glücksforschung zeigen, dass die Zufriedenheit mit dem Einkommen steigt – dies jedoch nur bis zu einer gewissen Höhe. Jenseits dieser Grenze, die zwi- schen 10 -15.000 Dollar Jahreseinkommen angesetzt wird, ent- koppeln sich Zufriedenheit und Einkommen (LAYARD 2005, HOLZINGER 2006).

20) Als Gründe für dieses Phänomen werden etwa die Anspruchs- oder die Vergleichsfalle gesehen. Je mehr wir haben, umso mehr wollen wir dazu. Und: wir wollen haben, was andere auch haben (LAYARD 2005, JÄGER 2007, BINSWANGER 2008, HINTER- BERGER et al 2009). Güterbesitz kann auch zur Belastung wer- den, wenn er das Leben „besetzt“ und uns freie Zeit raubt (PAECH 2008, SACHS 2006, 2009).

21) Wohlstandsmehrung kann daher immer weniger als Argument für Wirtschaftswachstum herangezogen werden. Daher wird zunehmend mit der Sicherung des gegebenen Wohlstandes sowie der Sicherung der Sozialsysteme argumentiert. Nur wenn die Wirtschaft wächst, erhält der Staat genügend Einnahmen, um seine Aufgaben befriedigend wahrnehmen zu können (BO- FINGER 2009, AIGINGER 2009).

22) Als Sonderargument wird die Verschuldungsdynamik ange- führt. Wenn der Staat sich verschuldet, um seine Aufgaben wahrnehmen zu können, Zukunftsinnovationen anzustoßen bzw. in Wirtschaftskrisen Konjunkturimpulse zu setzen, steigt die Zinslast. Um diese bedienen zu können, müsse die Wirtschaft wachsen, damit auch die Staatseinnahmen entsprechend wachsen (AIGINGER 2009).

23) Ein starker Staat gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten wird mehrheitlich als notwendiger Garant von sozialen Sicherungs- systemen gesehen. Dieser ist aber nicht nur von Wirtschafts- wachstum abhängig, sondern auch von der Fähigkeit, die Staatseinnahmen auf alle „Schultern“ fair zu verteilen (MARTER- BAUER 2007, BUTTERWEGGE 2008, STIGLITZ 2009, BOFINGER 2009, v. WEIZSÄCKER 2009, FELBER 2009).

24) Eng verknüpft mit der Funktionstüchtigkeit des Sozialstaats so- wie der sozialen Sicherung ist die Niedrighaltung von Arbeitslo- sigkeit. Ein zentrales Argument für Wirtschaftswachstum liegt daher im Ziel, dadurch neue Arbeitsplätze zu schaffen (LEITL 2009, PICHLER 2009).

25) Wirtschaftswachstum wird mehrheitlich noch immer als Weg für die Schaffung neuer Arbeitsplätze gesehen. 1,5 Prozent Wirt- schaftswachstum gelten als „Arbeitslosigkeitsschwelle“, mindes- tens 2 Prozent als Grenze, um Arbeitslosigkeit zu verringern – „Beschäftigungsschwelle“ (MARTERBAUER 2007).

26) Dem Argument von „Jobless Growth“ wird entgegengehalten, dass Investitionen zwar zu weiteren Rationalisierungen führen. Der Produktivitätszuwachs ermögliche jedoch Beschäftigung in neuen Bereichen, insbesondere im Dienstleistungssektor, der weniger rationalisierbar sei (BOSCH et al 2004, MARTERBAUER 2007, SPITZNAGEL 2007).

27) Dennoch mehren sich die Stimmen jener, die eine Rückkehr zur alten Vollbeschäftigung trotz Wirtschaftswachstum für nicht mehr möglich halten (VOBRUBA 2000, MARTERBAUER 2007). Demnach müsste das verbleibende Arbeitsvolumen besser ver- teilt werden.

28) Umweltschutz können sich nur hoch entwickelte Volkswirtschaf- ten leisten, so lautet eine Theorie der ökologischen Modernisie- rung. Dies stimmt wohl auch bis zu einem gewissen Grad: Deut- sche Kohlekraftwerke sind weniger Umwelt schädigend als chi- nesische (JÄNNICKE 2009).

29) Zugleich werden im Klima- und Umweltschutz neue Wachs- tumspotenziale gesehen. Gesprochen wird von einem „New Green Deal“ (NIEBERT/MÜLLER 2009, JÄNICKE 2009) oder einem grünen Keynesianismus (SACHS 2009, STIGLITZ 2009).

30) Andere warnen vor zu großem Optimismus hinsichtlich ökologi- scher Strukturwende. Da erneuerbare Energieträger teurer sein werden als die fossilen Rohstoffe in ihrer „Blütezeit“, werde sich die Wirtschaft auf Schrumpfungen einstellen müssen (EXNER et al 2008, SAKAR 2009, bedingt SACHS 2009).

31) Umweltschutzkosten zählen zu den Defensivkosten. Sie „rentie- ren“ sich volkswirtschaftlich dann, wenn Nichthandeln noch teurer käme (STERN 2009). Notwendig ist jedenfalls eine ganz-heitliche Strategie, die Effizienz (sparsamere Technologien), Konsistenz (der Natur angepasste Technologien, z. B. Solarin-dustrie) und Suffizienz (Weniger) verbindet (SACHS et al 2008, NIEBERT/MÜLLER 2009). Ökologische Modernisierung muss sich immer daran messen lassen, ob der Ressourcenverbrauch so- wie die Emission von Schadstoffen sinken (DALY 2001).

32) Der zentrale Grund für Wirtschaftswachstum wird schließlich im System des kapitalistischen Wirtschaftens, sprich dem Kredit- und Zinswesen, gesehen. Unternehmen verschulden sich in der Hoffnung, durch die Investition einen Mehrertrag über die Kre- ditkosten hinaus zu erwirtschaften (BINSWANGER 2006).

33) Auch privater und öffentlicher Konsum werden zu einem we- sentlichen Teil über Kredit finanziert und erfordern daher zur Deckung des Schuldendienstes eine Steigerung der Einnah- men, was Wirtschaftswachstum erforderlich mache (MARTER- BAUER 2008, BOFINGER 2009, SAKAR 2009).

34) Zugleich wird in der Verschuldungsdynamik die Gefahr zunehmender Abhängigkeit der Schuldner von den Gläubigern ge- sehen, was die Vermögenskonzentration zuspitze und die Wirt- schaft destabilisiere (COHEN 2006, JENNER 2008, EICHHORN/ SOLTE 2009).

35) Manche AutorInnen sehen den Destabilisierungsfaktor insbe- sondere im Zinseszinssystem, welches eine immanente Wachs- tumslogik sowie eine Umverteilungsdynamik zugunsten der Vermögenden erzeuge (PLETTENBACHER 2009, KENNEDY 2009, LIETAER 2009).

36) Die Verschuldungsdynamik sowie die permanente Steigerung der Gewinnerwartungen auf den Finanzmärkten bzw. Börsen können somit als wesentlicher Motor für den Wachstums- “zwang“ der Wirtschaft angesehen werden, der jedoch zugleich zur Destabilisierung der Realwirtschaft führt (SCHER- HORN 2009, SCHULMEISTER 2009a).

37) Die Aufblähung des Finanzmarktvolumens durch „Schwellgeld“ sowie die Finanzierung von Finanzgeschäften über Derivate führt zu destabilisierenden Blasen. Nach deren Platzen nehmen die Banken die Kredittätigkeit stark zurück, was in die Rezession führt (EICHHORN/SOLTE 2009, SAKAR 2009).

38) Manche erklären Rezessionen vornehmlich mit der (vorüberge-henden) Sättigung von Märkten sowie der Verteuerung des Faktors „Natur“, was in Zukunft zwangsläufig zu Schrumpfungs- prozessen führen werde (SAKAR 2009).

Laden Sie sich das vollständige Dokument herunter:

http://www.wachstumimwandel.at/wp-content/uploads/Zukunftsdossier-Wachstum-JBZ.pdf




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