Jeder vierte junge Erwachsene lebt in Armut


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Abgeschickt von Lars am 11 Maerz, 2010 um 15:38:38

http://www.kommunisten.eu/index.php?option=com_content&view=article&id=1421:jeder-vierte-junge-erwachsene-lebt-in-armut&catid=39:kapital-a-arbeit&Itemid=87

Jeder vierte junge Erwachsene lebt in Armut


09.03.2010: Die Armut ist in Deutschland innerhalb eines Jahrzehnts um ein Drittel gestiegen. Sie erfasste nach den neuesten Ergebnissen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) 2008 14% der Bevölkerung und lag damit um 3,5-Prozentpunkte höher als im Jahr 1998. 11,5 Millionen Menschen in Deutschland – jeder siebte Einwohner – leben in Armut.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die jetzt im DIW-Wochenbericht 7/2010 veröffentlicht wurde. Das DIW legt dabei als Armutsschwelle die Definition der Europäischen Kommission zugrunde, wonach als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens seines Landes zur Verfügung hat. In Deutschland bedeutete das im Jahr 2007 bei einem Alleinstehenden eine Einkommensschwelle von 925 Euro netto.

„Der Hauptgrund“ für die gestiegene Einkommensarmut „ist sicherlich die Arbeitslosigkeit“, sagt Joachim R. Frick, einer der Autoren der Studie. „Gleichwohl sehen wir in den letzten Jahren auch für Personen mit Erwerbstätigkeit ein zunehmendes Armutsrisiko. Das hat wohl auch mit der Ausbildung des Niedriglohnsektors und der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse zu tun“. Das ist auch der Grund, weshalb selbst im so genannten Konjunkturaufschwung (2004 bis 2007) die Armut in Deutschland nicht zurückging. Die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise mit Kurzarbeit und gestiegener Arbeitslosigkeit ab 2009 sind in der DIW-Studie noch gar nicht erfasst.

Besonders drastisch weitet sich die Armut bei jungen Erwachsenen und bei Familien aus. Unter den Erwachsenen zwischen 19 und 25 Jahren hat sich der der Anteil der armutsgefährdeten Personen von 18 % (1998) auf mehr als 24 % (2007) am stärksten erhöht. Jeder vierte junge Erwachsene lebt in Armut. Als Grund geben die Autoren u.a. an, dass viele Jugendliche über schlecht bezahlte Praktika und prekäre Arbeitsverhältnisse in das Berufsleben einsteigen müssen.

Armutsrisiko Kinder

Neben jungen Erwachsenen sind vor allem kinderreiche Familien armutsbedroht. Für Familien mit drei Kindern liegt das Armutsrisiko bereits bei knapp 22 Prozent und fast um drei Viertel (74,4%) höher als zehn Jahre davor. „Das hohe Armutsrisiko in Kindheit und Jugend beeinträchtigt die Entwicklungsmöglichkeiten im weiteren Lebensverlauf und bleibt somit weiterhin eine Herausforderung für die Politik“, heißt es im DIW-Bericht.
Die höchste Armutsrate weisen mit 40% Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern auf. Mangels Kinderbetreuung können sie nicht oder nur stundenweise arbeiten. Nach Frick gehe es bei einer Verbesserung der Situation nicht nur um eine Erhöhung z.B. der Hartz-IV-Sätze, da sie nur eine Symptombekämpfung bedeuten: „Wir denken, dass Investitionen in Kinderbetreuungseinrichtungen und die Verbesserung der Erwerbschancen für alleinerziehende Mütter, sicherlich mehr nutzen würden“.

In diesem Zusammenhang spricht sich die Studie auch gegen das Gießkannenprinzip bei der Erhöhung des Kindergeldes aus, das zudem Gutverdienende bevorzuge und Hartz-IV-Empfänger außen vor lasse. „Mit der zum 1. Januar 2010 beschlossenen Erhöhung des Kindergeldes wird das Problem der zunehmenden Kinderarmut nicht adäquat bekämpft. Haushalte mit hohem Einkommen profitieren aufgrund der steuerrechtlichen Anpassung beim Kinderfreibetrag überproportional, während dieser zusätzliche Transfer bei Haushalten mit Bezug von Arbeitslosengeld II vollständig angerechnet wird“.

OECD-Studie: Kinderarmut in Deutschland besonders hoch

Kurz vor der Bundestagswahl 2009 stellte die OECD den bisherigen Bundesregierungen ein Armutszeugnis aus: Deutschland gehört zu den Industrieländern mit der höchsten Kinderarmut. Während im OECD-Durchschnitt jedes achte Kind in Armutsverhältnissen aufwächst, ist es in Deutschland bereits jedes sechste. Nur sieben der 30 OECD-Länder schneiden schlechter ab als Deutschland, darunter die USA wo jedes vierte Kind arm ist (24,6%). Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2005, dürften sich jetzt in der Finanz- und Wirtschaftskrise weiter verschlechtert haben. (Die OECD hat eine höhere Armutsschwelle als die EU, deshalb die generell niedrigeren Werte).

Dabei gibt Deutschland für Kinder 10 bis 20 Prozent mehr aus als die meisten anderen Industriestaaten – doch offenbar bringt das vielen Mädchen und Jungen nur wenig.

Die OECD sieht u.a. das Problem darin, dass in Deutschland ein sehr hoher Anteil – etwa 40% - der Mittel in Form direkter Finanztransfers an die Eltern gezahlt werde. In Dänemark und Schweden, die Länder mit der niedrigsten Kinderarmutsquote, liege der Anteil bei 20 Prozent. In diesen Ländern werden die Finanzmittel für Kinder überwiegend in Bildung und Betreuungsangebote investiert. Ausbau der Kinderbetreuung und Ganztagsschulen ist nach Ansicht der OECD der richtige Weg, das Armutsrisiko für Familien zu verringern. Gerade für Alleinerziehende, bei denen das Armutsrisiko 40 Prozent beträgt, sei das häufig der einzige Weg, Arbeit zu behalten bzw. wieder in Arbeit zu kommen. Arbeitseinkommen seien der beste Weg aus der Armutsfalle, meinte Monika Queisser, Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der OECD, bei der Präsentation der Studie. Mit staatlichen Transferleistungen allein sei es dagegen nicht möglich, Familien ein ausreichendes Wohlstandsniveau zu ermöglichen, so Queisser.

Text: Fresch (Vorabdruck aus dem isw-wirtschaftsinfo 43 "Bilanz", das Ende März erscheinen wird) Foto: G. Ballin

In der Anlage Grafiken aus dem DIW Wochenbericht 7/2010
Anlagen: Diese Datei herunterladen (Seite_6_DIW_10_7.pdf)Grafiken aus dem DIW Wochenbericht 7/2010 96 Kb

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