Manfred
Julius Müller Warum
gibt es keine Rentenanpassungen? Die
Kosten steigen, aber die Renten bleiben unten. Seit
über 25 Jahren schon müssen sich Rentner mit
realen Einkommensverlusten herumplagen und können sich
immer weniger leisten. Für die Minderheit der
gutsituierten Senioren mag das alles halb so schlimm sein -
den Durchschnittsrentner trifft es aber um so härter.
Nicht wenige fragen sich, wofür sie ein Leben lang hart
gearbeitet und hohe Beiträge entrichtet haben. Denn
hätten sie ihr ganzes Leben gefaulenzt, würden sie
finanziell dank staatlicher Alimentierung kaum schlechter
dastehen (häufig sogar deutlich besser). Die
Argumentation der Politiker und Journalisten: Nun
bemühen sich Politiker und Journalisten unentwegt, die
Ursachen für die Verschlechterung der Lage zu
erläutern. Mit längst abgenutzten Klischees
versuchen sie beharrlich, die demographische Entwicklung
für das Desaster verantwortlich zu machen. "Die
Menschen werden älter", klagen sie, "eine sinkende Zahl
von Beitragszahlern muss eine wachsende Zahl von Rentnern
ernähren. Würde man das Rentenniveau aufrecht
erhalten, müssten die Rentenbeiträge der
arbeitenden Bevölkerung von Jahr zu Jahr angehoben
werden. Die Realeinkommen der Beitragszahler würden
dadurch ständig abnehmen, was zu einem Ungleichgewicht
führen würde. Arbeit würde sich in
Deutschland immer weniger lohnen. Der Generationenvertrag
geriete ins Schwanken, zumal die Beitragszahler von heute
später einmal recht niedrige Renten zu erwarten
hätten (vielleicht gar nur noch eine Grundrente in
Höhe der Sozialhilfe)." Wie
so oft im Leben sind das Schlimmste nicht offensichtliche
Lügen (die meistens schnell durchschaut werden),
sondern raffiniert durchdachte
Halbwahrheiten! Natürlich
stimmt es, dass sich die Lebenspyramide verändert, zum
Schaden der Beitragszahler. Aber es wird verschwiegen (und
dieses Verschweigen werte ich als 1. Lüge),
dass
diese demographische Entwicklung schon seit 100 Jahren
andauert.
Es
wird weiter verschwiegen (die 2. Lüge), dass
die
rasant wachsende Produktivität die Veränderung der
Altersstruktur finanziell mehr als
ausgleicht.
Wenn die Produktivität
sich alle 25 Jahre in etwa
verdoppelt,
dann kann sich der Lebensstandard der arbeitenden
Bevölkerung prächtig entwickeln, selbst wenn
für die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung mehr
aufgebracht werden muss. Es
wird weiter verschwiegen (und dies ist nach meiner
Auffassung bereits die 3. Lüge), dass der eigentlich
selbstverständliche
Anstieg der Produktivität sich nur deshalb ins Negative
verkehrt, weil die Zollgrenzen
weitgehend abgebaut
wurden. Es
wird verschwiegen (Lüge oder Unwissenheit?), dass
ohne
regulierende Zollgrenzen eine Marktwirtschaft
nicht funktionieren kann,
weil das Land sich dann schutzlos dem globalem Dumpingsystem
preisgibt. Es
wird verschwiegen, dass bei fehlenden Zollgrenzen
Unternehmer ganz selbstverständlich
die
Lage nutzen, um Produktionen ins Ausland zu
verlagern. Es
wird verschwiegen (wieder nur Unwissenheit oder doch eher
Lüge), dass in
einem intakten Binnenmarkt
(mit angemessenen Zollgrenzen) ganz selbstverständlich
die
durch Forschung und bessere Technik erarbeiteten
Produktionszuwächse auch an die Bevölkerung
weitergereicht würden,
weil sonst die Marktwirtschaft kollabieren
würde. Es
wird verschwiegen, dass die heutige Entwicklung (steigende
Produktivität und sinkende Realeinkommen) absolut
pervers und nur möglich ist, weil
der
chaotische unübersichtliche und unkontrollierbare
Weltmarkt mit seinen 1000
Ungereimtheiten
(unterschiedliche Vorschriften, Steuern, Löhne usw.)
die
Gesetze der Marktes außer Kraft
setzt. Deshalb
gibt es für mich keine größere Lüge als
die Behauptung "Die
EU bringt uns Wohlstand"
bzw. "Die Globalisierung bringt uns Wohlstand". Die letzten
25 Jahre bescherten uns trotz einer Verdoppelung der
Produktivität reale Einkommensverluste von mindestens
15 %. Will man noch mehr Beweise? Ältere
Arbeitslose werden in den Vorruhestand abgeschoben! Ich
halte diesen Verschiebebahnhof für einen Beitrag zur
Volksverdummung. Arbeitslose gehören in die
Arbeitslosenstatistik, nicht aber ins Rentenlager. Wer
derart mauschelt, vertuscht die tatsächlichen Probleme.
Nicht die "Vergreisung" unserer Gesellschaft ist das
eigentliche Problem, sondern der Export dringend
benötigter Arbeitsplätze durch den
globalen
Dumpingwettbewerb. Es
müssen nicht unbedingt Zölle sein! Der
globale Dumpingwettbewerb muss nicht unbedingt mit
Zöllen abgeschafft werden. Es gibt Alternativen mit
ähnlicher Wirkung, die international nicht als
protektionistisch gebrandmarkt sind, wie etwa die
Lohnkostenreform
(schrittweise Anhebung der Mehrwertsteuer bei gleichzeitiger
Absenkung der Beiträge zur Kranken-, Renten- und
Arbeitslosenversicherung). "Aber
dann zieht man den Rentner doch noch mehr Geld aus der
Tasche.." Nicht
wenige befürchten, dass eine Zoll- oder
Mehrwertsteueranhebung zu weiteren Kaufkraftverlusten der
Rentner führt. Aber auch dies ist wieder zu kurz
gedacht, es ist noch weniger als eine Halbwahrheit. Die
im Januar 2007 durchgeführte Lohnkostenreform hat es
bewiesen: Die dreiprozentige Anhebung der Mehrwertsteuer hat
zu keiner spürbaren Teuerung geführt, weil
gleichzeitig die Lohnnebenkosten gesenkt wurden. Die
Verteuerung der Importe (bei gleichzeitiger Verbilligung der
heimischen Produktion) führten zu einer Schwächung
des globalen Dumpingsystems, die sich wie erwartet
äußerst positiv auf die Konjunktur und den
Arbeitsmarkt auswirkte. Man
muss das globale Dumpingsystem aufbrechen! Dass
die Rentner seit vielen Jahren beim Inflationsausgleich
weitgehend leer ausgingen, lag nicht am grundsätzlichem
Prinzip des Generationenvertrages, sondern an der
Einführung der Riesterrente (für dessen
Finanzierung die heutigen Rentner bluten müssen) und
bewusst verordneter Änderungen des Anpassungssystems
wegen schlechter Wirtschaftslage. Dass
die Finanzlage so desolat ist, liegt am importierten
Wettbewerbsdruck - und hier schließt sich der Kreis:
Würde Deutschland sich durch Zölle oder
Mehrwertsteuererhöhungen von diesem Joch befreien,
würde sich die gesamtwirtschaftliche Lage bessern, es
wären auch wieder die eigentlich
selbstverständlichen Rentenanpassungen
finanzierbar. Trotz
jährlicher Lohnerhöhungen steigen die Renten
nicht! Verantwortlich
dafür scheint mir wieder einmal der Griff in die
statistische Trickkiste. Denn als Bemessungsgrundlage
für die Rentenanpassung dienen nicht die ausgehandelten
Lohnerhöhungen der Arbeitnehmer, sondern vermutlich die
Gesamtentwicklung aller Arbeitseinkommen in Deutschland. Und
weil die schlechtbezahlten Jobs tendenziell zunehmen (mehr
Leiharbeit und Minijobs), stagniert oder sinkt auch das
gesamte Rentenbeitragsaufkommen. Leider
versäumen es die Medien und die Politik, die
Bevölkerung über die Hintergründe dieser
Widersprüche (Renten-Nullrunden trotz steigender
Tariflöhne) aufzuklären. Stattdessen spielt man
sich groß auf, wenn man mal generös auf eine sich
rechnerisch ergebende Rentenkürzung verzichtet
hat.
Kommentar
zu diesem Artikel (Nr. 850) abgeben? Weiterführende
Informationen: Aber
Deutschland lebt doch vom Export...! Home
(Startseite www.neo-liberalismus.de) ©
Manfred J. Müller, Flensburg, 2007 Es
geht auch anders... Der
obige Aufsatz beleuchtet nur einen
Teilaspekt, warum es in Deutschland seit 30 Jahren
bergab geht. Das ganze Ausmaß der Misere wird
in meinen Büchern aufgedeckt. In
Deutschland fehlen nicht drei, sondern
zehn
Millionen versicherungspflichtige
Arbeitsplätze,
seit 30
Jahren sinken Reallöhne und
Renten
trotz doppelter Produktivität, die
Staatsschulden steigen ins Uferlose trotz
einschneidender Sparmaßnahmen und
ständig drohen neue Spekulationsblasen, Euro-
und Weltwirtschaftskrisen. Wer uns diese
Entwicklung als Erfolg verkaufen will ("uns geht es
doch allen gut"), hat keinen Respekt vor der
Wahrheit! Buch-Neuerscheinung
Ende Februar 2011 (DAS KAPITAL, Band
3): Manfred
Julius Müller
analysiert seit 30 Jahren weltwirtschaftliche
Zusammenhänge und veröffentlicht brisante
Aufsätze zu den heikelsten Themen. Er entwickelte neue
Wirtschaftstheorien, die weltweit neue Maßstäbe
setzten und in manchen Ländern in wichtigen Bereichen
die Gesetzgebung beeinflussten. Seine Websites erreichen im
Jahr etwa eine Million Besucher. Inzwischen sind auch einige
Bücher erschienen, u. a. die Trilogie
"DAS KAPITAL".
Trotz
stetig steigender Produktivität sinken seit 25 Jahren
die inflationsbereinigten Renten
Würde ein Waschmaschinenhersteller seine Fabriken von
Deutschland nach Polen verlagern, wenn bei der Einfuhr an
der deutschen Grenze der Zoll zuschlagen und alle
Einsparungen zunichte machen würde? Nein, das
würde er sicher nicht! Ein solcher Hersteller
würde auf die Auslagerung verzichten, weil er seinen
alten Marktanteil nicht verlieren möchte (ein Zoll
macht eingeführte Geräte teurer als im Inland
hergestellte Ware).
Die
Verlogenheit des ganzen Systems lässt sich noch an
weiteren Machenschaften ablesen. So werden bei uns zum
Beispiel schon seit Jahrzehnten ältere Arbeitslose in
den Vorruhestand abgeschoben, um die offizielle
Arbeitslosenstatistik
erträglich zu gestalten.
Denn die Einnahmen aus den Anhebungen führen
gleichzeitig zu Abgabensenkungen an anderer Stelle, sind in
der Summe also völlig kostenneutral. Wenn nun
eingewendet wird, dass bei den Abgabensenkungen die Rentner
weitgehend leer ausgehen, so ist dies gleich ein doppelter
Irrtum: Denn erstens sind die Renten an die
Einkommensentwicklung der Arbeitnehmer gekoppelt und
zweitens führen Lohnkostensenkungen auch zu einer
Verbilligung der Produktion.
Eine Anhebung der Rentenversicherungsbeiträge wollte
man der Wirtschaft und den Arbeitnehmern nicht zumuten, man
befürchtete durch diese Kostenerhöhung einen
weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit.
Es
ist schon seltsam: Da erkämpfen die Gewerkschaften Jahr
für Jahr Lohnerhöhungen von zwei bis drei Prozent,
aber bei den Rentnern kommt davon nichts an. Warum also gibt
es trotz bestehender Rentenanpassungsgesetze immer wieder
Nullrunden?
PS: Laut einem 45minütigen Bericht im Fernsehkanal
Phönix am 9. 2. 2012 wurde die Riesterrente bis dato
mit 15 Milliarden Euro subventioniert und bietet trotzdem im
Alter nur ganz erbärmliche Renditen. Wer später
einmal auf eine Grundrente angewiesen ist, kann sogar
sämtliche Ansprüche verlieren.

DAS
KAPITAL und der
Sozialstaat
Umverteilung
bis zur Perversion? Wann kollabiert das
Sozialsystem?
Broschürt,
104 Seiten, nur
Euro 7,90.
Hat der Gesetzgeber nicht längst schon den
Überblick verloren? Wenn es bereits vielen
Hartz-IV-Familien besser geht als entsprechend
großen Doppelverdiener-Haushalten, kann von
einem Lohnabstandsgebot wohl kaum noch die Rede
sein. Das Buch offenbart das ganze Ausmaß der
Perversion unseres Umverteilungssystems - ohne
Rücksicht auf Befindlichkeiten und feigen
Maulkorberlassen.
Fazit: Soll unser Wohlfahrtsstaat erhalten bleiben,
muss er umgebaut werden. Dabei steht das Wie im
Vordergrund dieses Buches. Klappentext